11.12.2008
Velez, Oliver: Trading 2008
Es gehört zur Königsklasse des Tradings, funktionierende Strategien anzuwenden.
Wie lief es 2008 mit ihrem Trading?
2008 war das beste Jahr meiner bisherigen Karriere. Wir waren dieses Jahr in der Lage, den Markt außerordentlich gut einzuschätzen. Und es war nicht nur eines der besten Jahre für mich als Trader, sondern auch meine Firma ist phänomenal gewachsen. Die letzten 18 Monate waren für uns eine außergewöhnlich erfolgreiche Zeit. Wir sind von 68 professionellen Tradern auf über 1400 Trader gewachsen. Wir sind das am schnellsten wachsende private Tradingunternehmen in den USA. In den letzten 18 Monaten kamen monatlich zwischen 60 und 100 Trader hinzu. Dabei haben wir nur sechs Trader verloren. Dieser Erfolg ist wirklich unglaublich! Und die Tatsache, dass wir die Richtung, in die die Märkte gegangen sind, richtig eingeschätzt haben, hat dazu einen gewaltigen Beitrag geleistet. Wir haben den Kollaps der Märkte ja vorhergesagt.
Haben Sie schon einmal etwas Vergleichbares wie die heutige Finanzkrise erlebt, seit Sie als Trader tätig sind?
Nein, und ich glaube, dass keiner, der heute noch lebt so etwas schon erlebt hat. Interessant finde ich, dass sogar die Veteranen der Finanzmärkte angesichts der derzeitigen Entwicklungen wie erstarrt sind. Keiner von uns ist wirklich in der Lage, das gesamte Ausmaß der Finanzkrise einzuschätzen. Ich glaube, dass wir das Ende der Krise noch lange nicht erreicht haben. Meiner Meinung nach stehen wir sogar eher noch am Anfang der Entwicklung. Was viele nicht verstehen, ist, dass sich die jetzige Krise bereits über die letzten 30 bis 35 Jahre entwickelt hat und in den letzten 8 Jahren hat sich die Situation noch weiter zugespitzt. In den letzten 1,5 Jahren ist diese Entwicklung vollkommen aus dem Ruder gelaufen und hat die Krise zum Ausbruch gebracht. Unser amerikanisches Finanzsystem ist gelähmt, von einem Problem, dass auf eine Billion Dollar geschätzt wird. Die amerikanische Regierung hat einen Rettungsfonds angelegt, der ursprünglich 700 Millionen Dollar betragen sollte. Mit den unvorhergesehenen zusätzlichen Ausgaben wird der Steuerzahler aber für eine Billion Dollar geradestehen müssen! Was erschreckend ist auch, dass das Problem am Derivatemarkt noch größer ist und noch nicht einmal ansatzweise angegangen worden ist. Wenn also ein Problem mit 1 Billion Dollar das amerikanische Finanzsystem bereits lahm gelegt hat, was wird dann die zweite Phase bringen, also das Problem mit den Derivaten, das auf 180 Billionen Dollar geschätzt wird? Das ist dann die zweite Phase der Krise, und deren Ausmaß ist noch nicht abzusehen. Wenn man darüber nachdenkt was möglicherweise noch alles passieren könnte, kann ich absolut nicht mehr sagen, wie man das Problem lösen könnte. Ich weiß nur, dass Hypes und Finanzblasen historisch gesehen immer in einer langen, unschönen Zeit enden.
Sind Sie in der letzten Zeit short gegangen?
Seit August 2007 gehen wir eigentlich hauptsächlich short. Je professioneller der Trader, desto größer ist die Tendenz short zu gehen. Professionelle Trader bevorzugen immer eine Short-Position gegenüber einer Long-Position. Das ist rechnerisch ganz einfach zu erklären. Die meisten Finanzprodukte fallen wesentlich schneller und tiefer als sie steigen. Und ein Trader ist natürlich immer auf den höchsten und schnellsten Gewinn aus. Statistisch leistet eine Short-Position das besser als eine Long-Position. In einem Umfeld, das die Strategie short zu gehen begünstigt, wird man damit auf jeden Fall die größten Gewinne einfahren. Wir haben das glücklicherweise schon 2007 erkannt. Und das hat unseren Tradern natürlich geholfen.
Glauben Sie, dass das Verbot von Leerverkäufen der richtige Weg ist, um der Finanzkrise entgegen zu treten?
Das ist ein grauenvoller, bemitleidenswerter Versuch die Märkte zu regulieren. Aber so etwas passiert immer dann, wenn man in einer größeren Krise ist. Jeder sucht einen Sündenbock und oft werden die Trader verantwortlich gemacht. Es sind aber nicht die Verkäufer, die short gegangen sind, die das Problem verursacht haben. Und das Verlangsamen von Wertpapierverkäufen aus einer Short-Position heraus ist nur ein sehr schwaches Trostpflaster im Vergleich zu dem wirklichen Problem. Ich glaube wenn wir die Märkte sich so verhalten ließen, wie sie wollen, wäre es vielleicht kurzfristig sehr schmerzhaft, aber auf lange Sicht würden sich die Probleme sehr schnell von selbst eliminieren. Und danach könnte das normale Leben weitergehen. Wenn man aber falsche und künstliche Sperren an allen möglichen Stellen des Marktes einbaut, wird das die Entwicklung nur verlangsamen. Und - im schlimmsten Fall macht man die Situation noch schlimmer.
Beziehen Sie die Schwankungen derzeit in Ihre Strategie mit ein?
Tatsache ist, die Schwankungen haben uns geholfen. Unsere Sicht der Dinge ist bei weitem kurzfristiger als die der meisten Investoren. Und wenn man kurzfristig denkt, sind Schwankungen deine Freunde. Wenn man langfristig plant, sind sie weniger gute Freunde. Wir waren in der Lage, mit den Schwankungen recht gut umzugehen. Wir haben kurze, starke Zeiträume genutzt um unsere Short-Position auszunutzen. Ich glaube, dass wir uns in der nächsten Zeit auch an starke Schwankungen gewöhnen müssen. Danach wird dann eine längere Zeit ohne oder nur mit minimalen Schwankungen kommen. Und in dieser Zeit wird der Markt anfangen sich selbst zu heilen.
Glauben Sie, dass die Wahl von Barack Obama einen spürbaren Einfluss auf die US-Aktienmärkte haben wird?
Ich glaube, dass die Wahl von Senator Obama einen gewaltigen Effekt auf die weltweiten Finanzmärkte haben wird. Sie zeigt, dass ein erheblich Wandel bevorsteht und auch, dass sich das Bewusstsein der Amerikaner verändert hat. Es zeigt, dass sich die Spielart auf der politischen Weltbühne verändert. Er wird es die nächsten Jahre nicht einfach haben, aber es war einfach ein radikaler Wechsel nötig um dieser Krise zu begegnen.
Bezüglich der Finanzmärkte: Was erwarten Sie für das Jahr 2009?
Ich glaube, dass die Lage sich nicht mehr ganz so schlimm darstellen wird wie in diesem Jahr. Ein vorsichtiger Anleger, der eine gute und überlegte Auswahl trifft, kann sehr erfolgreich sein. Alle Märkte werden immer noch schwierig sein, aber dank der großen Volatilität wird es in 2009 sehr gute Zeiträume geben. Und diese Perioden werden allen nützen, die in Erinnerung behalten, dass es eben nur kurzfristige positive Entwicklungen sind in einem allgemein eher schlechten Markt. Es wird die Tendenz geben, zu sagen: „OK. Das schlimmste ist vorbei. Jetzt wird alles gut.“. Aber das ist nicht der Fall. Es wird kurze Perioden geben, die gut sind und danach ist es eben wieder schlecht. Solange man das nicht vergisst und anfängt zu glauben, dass jetzt alle Probleme ausgestanden sind, kann man gute Gewinne einfahren wenn man kurzfristig plant. Ich glaube, 2009 wird ein sehr durchwachsenes Jahr, mit guten Abschnitten, in denen alle glauben, dass es wieder bergauf geht und dann wieder mit sehr schlechten Zeiten, in denen wieder Weltuntergangsstimmung herrscht. Ich glaube, dass langfristige Strategien überholt sind. Deswegen sollte man seine Zeitrahmen auf in paar Monate begrenzen und die guten Abschnitte ausnutzen.
Wann wird Ihrer Meinung nach die Finanzkrise ausgestanden sein?
Schwer zu sagen. Niemand hat bisher etwas Vergleichbares miterlebt. Jede Schätzung wäre ein Schuss ins Dunkle, aber wenn ich mich festlegen müsste, würde ich zweieinhalb bis drei Jahre ansetzen um die ganzen Verwirrungen der letzten acht Jahre zu lösen.
Waren Risiko- und Money-Management jemals wichtiger als jetzt?
Beides ist eigentlich immer wichtig, egal in welchem Umfeld, ganz besonders aber angesichts der Unsicherheiten im derzeitigen Umfeld. Ich glaube ein Aspekt des Money-Management, der bisher keine große Beachtung gefunden hat, ist Bargeld. Und Bargeld ist im Moment der Schlüssel. Ein Finanzplan in der heutigen Situation sollte auf jeden Fall Zeiten beinhalten, in denen man den Markt vollständig verlässt und das Geschehen vom Spielfeldrand aus beobachtet. Die meisten Menschen nehmen solche Perioden nicht wirklich in ihren Plan auf. Aber das ist auch Teil des Money-Management: Festzulegen wann man sich den Marktkräften aussetzt und wann man sich zurückzieht. Natürlich gibt es immer wieder Zeiten, in denen man nicht nur Beobachter spielen möchte, aber gerade jetzt befinden wir uns in einer Zeit, in der „Aussetzen“ eine Option ist, die weit häufiger genutzt werden sollte. Keiner weiß was passieren wird. Wir können aus der Erfahrung heraus Schätzungen abgeben, aber wie gesagt: Es ist eine Situation, die so seit Generationen nicht mehr aufgetreten ist. Und deswegen können wir alle nur raten. Man muss aber nicht unbedingt die Zukunft kennen um Erfolg zu haben. Aber man muss sich anpassen um auf die Ereignisse reagieren zu können. Und im Zweifel sollte man sich lieber zurückziehen.
Glauben Sie, dass auch private Trader ihre Risiko- und Money-Management-Strategien anpassen müssen?
Absolut. Wie bereits gesagt: Wir befinden uns in einem noch nie dagewesenen Marktumfeld, das sehr viele Veränderungen mit sich bringt. Besonders der zeitlich Rahmen muss angepasst, das heißt verkürzt werden. Viele Trader haben gelernt, dass man Geduld haben und die Dinge langfristig sehen muss. Das funktioniert zurzeit nicht. Heute sollte man eher einen „rein in den Markt - raus aus dem Markt Ansatz“ anwenden. Die Welt verändert sich so schnell, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, etwas zu kaufen, dann einen Dornröschenschlaf zu halten und zu hoffen, dass alles OK ist wenn man nach 5 Jahren wieder aufwacht. Das ist einfach nicht mehr machbar. Alle 18 Monate haben wir technologisch gesehen eine neue Welt, alle zweieinhalb Jahre aus politischer Sicht. Wenn man CEOs fragt, was ihre Firmen in zwei Jahren machen wird, können sie keine Antwort geben. Sie wissen nicht einmal, ob sie dann noch einen Job haben werden. Und deswegen sollten auch wir Trader nicht langfristig auf diese Unternehmen setzen. Ich glaube durch einen verkleinerten Zeitrahmen wird die Genauigkeit der Planung zunehmen. Und das spielt eine sehr große Rolle in meiner Philosophie. Viele haben gelernt, dass man umso genauer planen kann je länger man den Zeitrahmen setzt. Wenn ich Sie fragen würde, wo Sie in fünf Jahren stehen werden, könnten Sie mir keine Antwort geben. Was Sie dagegen in fünf Tagen machen werden, könnten Sie mir wahrscheinlich ziemlich genau sagen. Und was Sie in fünf Minuten machen, wissen Sie noch genauer. Je kleiner also der Zeitrahmen, desto genauer die Planung. Und das ist eine der größten Veränderungen, denen wir uns stellen müssen.
Wie lösen Sie das Problem der Verzögerung (Slippage)? Benutzen Sie garantierte Stopps?
Das sind eigentlich zwei Fragen. Das Wort „Verzögerung“ hat ja einen negativen Beigeschmack. Aber Verzögerungen können einem Trader auch helfen, je nachdem welchen Anlagestil er verfolgt. Bei unserem Stil haben sich Verzögerungen immer außerordentlich positiv ausgewirkt. Wir nutzen für den Einstieg eher Stopps unterhalb des Marktes und verkaufen unsere Wertpapiere oberhalb des Marktes. Das machen wir in 80-85% der Fälle. Der Trader profitiert so bei Verzögerungen, da er mit der Bewegung spielt. Für diejenigen, die beim Einstieg bzw. Ausstieg ihr gesamtes Geld abziehen bedeutet eine Verzögerung zusätzliche Kosten bei den Gebühren. Wenn man das auf eine gesamte Traderkarriere hochrechnet, kommt da einiges zusammen. Wir wirken dem entgegen indem wir mit den Bewegungen am Markt spielen. Und dann wirkt sich die Verzögerung oft zu unseren Gunsten aus.
Nun zu den garantierten Stopps: Wenn wir einen Trader am Anfang seiner Karriere ausbilden, wollen wir, dass er mit garantierten Stopps arbeitet. Aber das liegt daran, dass wir unsere Trader am Anfang nur mit kleineren Beträgen arbeiten lassen. Wenn er dann Erfahrungen gesammelt hat stellen wir ihm mehr Geld zur Verfügung. Je größer die Beträge sind, mit denen man arbeitet, desto weniger kann man garantierte Stopps nutzen. Wenn man z. B. mit einigen Tausend Aktien handelt, kann man natürlich Stopps einbauen. Aber wenn man mit 60.000 oder 100.000 Aktien handelt, geht das nicht mehr. Je größer und besser also ein Trader wird, desto mehr muss er die Fähigkeit entwickeln, sich langsam mit der Zeit und innerhalb einer bestimmten Preisspanne aus einem Trade zurück zu ziehen. Für Einsteiger sind garantierte Stopps also durchaus sinnvoll, aber ab einem bestimmten Volumen sind sie einfach nicht mehr praktikabel.
Was ist das größere Problem: Angst oder Gier?
Zurzeit befindet sich der Markt fest im Griff der Angst. Die Märkte fallen in nie dagewesener Weise und das vorherrschende Gefühl ist definitiv Angst.
Wie denken Sie über fremdfinanzierte Finanzprodukte?
Betrachtet man was mit der Weltwirtschaft im Moment passiert, müssen wir fremdfinanzierte Finanzprodukte sehr kritisch sehen. Wir haben einfach noch keine klaren Regelungen und Einschränkungen. Rund um den Globus kollabieren immer mehr Finanzsysteme durch Leveraged Buy-Outs. Durch Kredite und so weiter haben wir sehr massive Probleme auf den Finanzmärkten. Wenn man das im Hinterkopf behält, sollte man sich sehr genau überlegen, wie weit man die Unternehmen mit fremdfinanzierten Produkten gehen lässt.
Kennen Sie CFDs? Was denken Sie darüber?
Ich bin mir nicht ganz sicher was CFDs sind, aber ich glaube sie sind CBOs, also Collateralized Bet Obligations, sehr ähnlich. Diese fremdfinanzierten Produkte sind in den letzten Jahren zum Problem geworden. Das wurde zum ersten Mal im Oktober 2007 ganz deutlich. Diese Produkte erlauben es Firmen, sehr riskante Kredite abzusichern und das Risiko auf unwissende Anleger abzuwälzen, die diese Art von Produkt nicht vollständig verstanden haben. Und genau das führte zur heutigen Kreditkrise. Durch diese Produkte konnten Firmen viele Investments unter der Hand machen, das heißt diese tauchten nie in irgendwelchen Büchern auf. So wurde verschleiert, dass einige Firmen längst insolvent waren, obwohl das in den Büchern nirgendwo ersichtlich war. Ich selbst bin nicht begeistert von solchen Produkten.
Können Sie unseren Lesern noch einen guten Rat mit auf den Weg geben?
Ja, auch wenn es jetzt etwas elementar und einfach klingen mag: Trade mit dem Trend. Der derzeitige Trend geht nach unten. Da ist es verlockend bei niedrigen Preisen einzusteigen, also gegen den Trend zu handeln. Aber das ist problematisch. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass es noch weiter bergab geht, ist extrem hoch. Deswegen sollte man der Verlockung jetzt einzusteigen noch eine Weile widerstehen.