02.02.2009
Russell Napier - Rohstoffe auf dem derzeitigen Niveau sind eine Kaufgelegenheit.
Märkte & Zertifikate: Die Renditen inflationsgeschützter US-Anleihen (TIPS) steigen. Ist das ein Zeichen für größeres wirtschaftliches Wachstum in den nächstenJahren?
Nein, im Gegenteil. Die Renditen kurz- und mittelfristiger US-Anleihen (T-Notes) liegen über den TIPS-Erträgen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Märkte erst mal eine Defl ation erwarten und kein Wachstumssignal.
In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Wachstum und Infl ation zusammenhängen. TIPS-Renditen und Wirtschaftswachstum sind völlig verschiedene Dinge. TIPS-Renditen wiederum sind höher als die der langfristigen US-Staatsanleihen. Das ist eindeutig ein Zeichen für Defl ation und signalisiert daher eher ein Schrumpfen der Wirtschaft.
Werden wir bald eine Defl ation erleben?
Wir hatten hier in den USA keine Defl ation mehr seit 1955. Fallende Preise sind wirklich sehr selten. Die Märkte sagen jedoch eine Defl ation voraus. Ich denke, wir werden in 2009 eine ganz leichte Defl ation sehen – doch nicht in dem Ausmass, das die Märkte prophezeien. Ich würde in den kommenden Jahren eher mit einer wachsenden Infl ation
rechnen.
Wie hoch wird denn die Defl ation Ihrer Erwartung nach in diesem Jahr ausfallen?
Ich denke, wir werden eine sehr leichte Deflation in 2009 bekommen, aber nicht so ausgeprägt, wie an den TIPS vorherzusehen ist. Die TIPS erwarten etwa fünf Prozent Defl ation in diesem Jahr, und dass der Preisindex insgesamt um elf Prozent innerhalb der nächsten drei Jahre fallen wird – ich denke, so etwas werden wir nicht sehen.
Werden die Aktienmärkte jetzt einen Boden fi nden?
Ja, ich glaube, sie werden einen Boden fi nden. Das ist allerdings momentan leichter für Amerika zusagen als für Westeuropa oder beim Nikkei. Das liegt an den Massnahmender Regierungen, mit denen sie die Wirtschaft zu stabilisieren versuchen. Die Amerikaner haben eine unglaublich grosse Aktivität gezeigt. Und sie sind in einer einzigartigen Situation.
Zum einen haben sie noch immer die wichtige Reservewährung. Das heisst, sie können noch immer viele Staatsschulden aufnehmen, die ihnen von Ausländern abgekauft werden. Das verschafft ihnen eine riesige Flexibilität. Auf der
anderen Seite – und das ist der Unterschied zum Rest der Welt – gibt es Freddie Mac und Fanny Mae, die bereits 43 Prozent aller Hypotheken in den USA halten. Vor fünfzehn Jahren waren es 51 Prozent – und die können schnell auf 60 Prozent oder 65 Prozent ansteigen. Ich will damit nur auf den Punkt bringen, dass die Zentralbankpolitiker in Amerika
viel entschlossener sind, etwas zu tun, als die Zentralbanker in Europa oder in Japan. Ich denke, Amerika wird zuerst den Boden erreichen.
Und was ist mit den anderen Ländern und Regionen der Welt?
Die Japaner haben eine sehr starke Währung. Und ihre Reaktion, mehr Yen zu drucken, wird ihnen deutlich über die Zeit helfen. Der viel schwierigere Fall ist Europa. Es ist ziemlich schwer, eine Koordination zwischen monetärer und fiskalischer Seite zu sehen. Das ist der Grund, weshalb wir für den S&P und den Nikkei optimistischer sind als für die europäischen Indizes.
Wir haben einen Wirtschaftseinbruch in Amerika, Japan und Westeuropa. Ist eine Abkopplung der Schwellenländer realistisch?
Kurzfristig nicht, aber langfristig ist dieses Szenario schon realistisch. Eines Tages wird das Jahr 2008 nicht als das Jahr der Finanzkrise in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als das Jahr, in dem 40 Prozent der Weltbevölkerung festgestellt haben, dass sie nicht reich werden können, indem sie 15 Prozent der Weltbevölkerung Güter verkaufen.
In der postkommunistischen Welt hatte jeder beschlossen, durch Güterexport nach Amerika und Europa zu wachsen. Nun wird der Binnenkonsum in den Schwellenländern angeregt werden. Da kommt dann die Abkopplung ins Spiel. Doch
gilt das nur für Länder, die eine grosse einheimische Konsumentenbasis aufbauen können, wie zum Beispiel China. Noch nicht 2009, aber langfristig werden sie sich lösen können. Das ist noch immer der langfristige Trend.
Wir haben hohe Verluste an den Aktienmärkten in Asien gesehen. Was ist der Grund?
Wenn es zu einer Deflation oder einer Deflationserwartung kommt, geht es den Unternehmen richtig schlecht, da die Verkaufspreise ihrer Produkte sinken. Nur gibt es in Amerika nicht viele Unternehmen, die noch einfache Produkte herstellen. Der Hauptteil der Deflation wird in der verarbeitenden Industrie anfallen, und die hat ihre Basis grösstenteils in Asien. 1930 wurden in Amerika Rohstoffe und Produkte konsumiert, die auch grösstenteils im Inland gefördert oder gefertigt worden waren. Heute stammen die meisten Güter aus dem Ausland. Die Anpassung dort ist daher grösser. Zudem muss gesagt werden, dass die US-Regierung in ex tremem Umfang interveniert hat. Ihre Reservewährung
gibt ihr unglaubliche Flexibilität. Das Land hat Möglichkeiten, die niemand sonst auf der Welt hat.
Auch die Rohstoffe sind unter Druck geraten. Welche Entwicklung erwarten Sie hier?
Ich denke, wir werden 2009 eine Erholung sehen. Commodities auf dem derzeitigen Preisniveau sind eine Kaufgelegenheit. Die langfristige Entwicklung bei den Rohstoffen, die vor allem auf der Nachfrage von Chinesen und Indern beruht, ist
weiterhin gültig: ein sehr guter, langfristiger Nachfragetrend. Doch der wirkliche Grund für den derzeitigen Fall der Rohstoffpreise ist, dass der Markt eine Deflation erwartet. Die Anleger stellen gerade eine hohe Risikoprämie für eine Deflation bei Unternehmensbeteiligungen und Aktien. Wenn die Leute feststellen, dass es keine Deflation geben wird, gehen die Risikoprämien runter und die Equities hoch. Das Schlüsselzeichen dafür sind die Rohstoffpreise selbst.
Die Rohstoffpreise sind eng mit dem nächsten Bullenmarkt verbunden. Wir werden eine neue Stabilität bei den Rohstoffpreisen sehen, möglicherweise sogar steigende Preise.
In welchem Land sind Investitionen für Anleger künftig besonders interessant?
Wenn wir in die Schwellenländer gehen, sind Hongkong und China die besten Plätze. Irgendwann in 2009 wird klar werden, dass die Binnenkonjunktur durchstartet. Die chinesische Regierung tut ja bereits viel dafür. Und wenn die Leute das begreifen, werden sich diese Märkte sehr gut entwickeln. Das wird nicht der Beginn eines neuen Bullenzyklus, sondern der Beginn eines neuen Zeitalters sein. China wird in den nächsten fünfzig bis sechzig Jahren wachsen, stärker
vom Wachstum des Binnenkonsums gezogen als von den Exporten. Das wird eine deutliche, langfristige Umstellung, die das 21. Jahrhundert in Hongkong und China prägen und massive Auswirkungen haben wird. Wahrscheinlich wird diese Entwicklung eher in der zweiten als in der ersten Jahreshälfte 2009 einsetzen. Aber wenn sie beginnt, werden die Auswirkungen auf die Unternehmensbewertungen riesig sein.
Was halten Sie von Indien?
Auch für Indien bin ich recht optimistisch, aber nicht so begeistert wie von China. Das wirklich Kritische ist, den Konsum richtig in Gang zu bekommen. Der Konsumentenkredit in China ist winzig, in Indien indes zuletzt recht gross. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist: 70 Prozent der Neuwagen in Indien sind auf Kredit gekauft, 70 Prozent
in China sind bar bezahlt. Doch um Indien in eine konsumgetrie bene Wirtschaft umzuwandeln, wäre es einfacher, von einem sehr geringen Kreditniveau aus zu starten.
Sie haben ein Buch geschrieben über die Charakteristika von Bullen- und Bärenmärkten. Wie können Anleger diese voneinander unterscheiden?
Das Buch liefert eine Menge an Indikatoren. Drei Dinge möchte ich erwähnen, zunächst den TIPS-Markt. Der Markt inflationsgeschützter Anleihen wird seine Preisnotierungen auf diesem tiefen Deflationsniveau beenden müssen. Wenn wir einen grundsätzlichen Wandel in den Deflationsaussichten sähen, würde dies das Risiko, Beteiligungen zu halten,
verringern und eine spürbare Aktienrallye auslösen. Ausserdem will ich die Rohstoffe erwähnen. Es ist gefährlich,
Aktien zu kaufen, wenn die Rohstoffpreise weiter fallen. Denn fallende Rohstoffpreise sind ein Deflationssignal, und eine Deflation ist sehr schlecht für die Beteiligungen. Doch der wichtigste Indikator sind Unternehmensobligationen. Meine
Untersuchungen im Buch zeigen, dass Unternehmensobligationen vier bis sechs Wochen vor den Aktien zu haussieren beginnen.
Interview: Jürgen Koch
MÄRKTE & ZERTIFIKATE | JANUAR 09