23.03.2009

Thomas Vittner im Interview

Wie entstand bei Ihnen das Interesse für das Traden?

Meine Neugier wurde vor einigen Jahren durch ein Seminar über "Fondsgebundene Lebensversicherungen“ meines damaligen Arbeitgebers, eines großen internationalen Versicherungskonzerns, geweckt. Lebensversicherungen waren mir aber zu langweilig, ich wollte unbedingt auf eigene Faust Aktien kaufen und von den Kursschwankungen profitieren. Nach kurzer Zeit hatte ich jedoch mein halbes Kapital verloren, und wusste nicht einmal, was ich falsch gemacht hatte. Mir war nur klar, ich musste in meine Börsenausbildung investieren und ließ aus diesem Grund nicht locker. In den Monaten und Jahren danach wurde mir immer mehr bewusst, dabei meine echte Leidenschaft gefunden zu haben.

Sie haben sich Ihr Finanzwissen selbst angeeignet. Welche Tipps können Sie anderen Autodidakten mit auf den Weg geben?

Das Sie es einfach durchziehen müssen, egal, was Andere denken oder sagen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie als Trader agieren oder als Investor. Beides ist zu lernen, ich habe es ja auch geschafft, ohne Startvorteile irgendwelcher Art zu besitzen. Erfolgreiches Trading ist fachlich nicht schwierig, man muss sich bloß selbst unter Kontrolle haben und ein paar grundlegende Regeln beachten. Auch das Investieren ist nicht kompliziert, selbst wenn es einem die Finanzbranche mit ihrem ganzen Getöse weismachen will. Lernen Sie, wie man Unternehmen analysiert und deren Zukunftsaussichten beurteilt. Auch ich verstand vorher nichts von Begriffen wie Eigenkapital, Goodwill oder Cash Flow, habe mir dieses Wissen jedoch selbst in wenigen Monaten angeeignet. Man braucht weder einen hohen IQ noch einen akademischen Abschluss, um an den Börsen erfolgreich zu sein. Und was mich am meisten wundert: Viele Menschen belegen nach ihrem Job abends Seminare und Kurse, um sich fachlich weiterzubilden. Auf eine Ausbildung, was die persönlichen Finanzen betrifft, vergessen aber die meisten, und vertrauen ihr Geld lieber fremden Menschen an. Für mich ist das als Trader und Investor undenkbar.

Wie schafft man in der Praxis beides, Job und Traden?

In dem man eine straffe Logistik entwickelt, die Abläufe genau plant und eine Methode kreiert, die auf die vorhandenen Möglichkeiten abgestimmt ist. Wenn Sie zum Beispiel einen 60 Stunden Job und Familie haben, wird das Ihren Handelsansatz beeinflussen. Wie man ein passendes Tradingsystem entwickelt, welche Fragen sich man im Vorfeld stellen muss und wo für einen angehenden Trader die Fallen lauern, das erfahren Sie in meinem Buch.

Wie realistisch ist es Ihrer Einschätzung nach vom Traden leben zu können?

Man muss so ehrlich sein und eingestehen, dass nicht jeder das Zeug zum Trader hat. Wenn es so einfach wäre, würde es niemand geben, der einem herkömmlichen Job nachgeht. Es hat auch nicht jeder das Zeug, Arzt oder Tischler zu werden, um hier nur zwei Beruf anzuführen. Manchen fehlt einfach das Talent dazu, und beim Trading gilt das genauso. Bringt man hingegen die nötigen Voraussetzungen wie Disziplin oder Durchhaltevermögen mit, und betrachtet Trading darüber hinaus als Business und nicht als Hobby, kommt der Erfolg mit der Zeit von ganz alleine. Unter den genannten Voraussetzungen ist es daher durchaus realistisch, eines Tages seine Brötchen mit dem Trading zu verdienen. Die meisten schaffen es jedoch nicht, die Ausbildungszeit, die im Normalfall mit emotionalen Schmerzen und Verlusten einhergeht, zu überstehen, und werfen zu früh das Handtuch. Jeder kann bei einem Broker ein Konto eröffnen und traden, aber nur wenige schaffen es, erfolgreich zu werden.

Sie schreiben im Schlusswort: „Erfolgreiches Trading ist auch nicht aufregend, im Gegenteil, es ist eher langweilig.“ Dieser Satz überrascht auf den ersten Blick sicher einige. Was genau meinen Sie damit?

Beginnt man sich für das Trading zu interessieren, denkt man an die typischen Klischees von telefonierenden Händlern, die „kaufen“ oder „verkaufen“ ins Telefon brüllen und wild gestikulierend durch den Raum laufen. Doch so funktioniert dieses Geschäft bestenfalls in einem Hollywoodfilm. Ein Trader verbringt den Großteil des Tages mit Warten. Zuerst wartet man auf den richtigen Einstiegskurs, dann darauf, dass die nächste Zeiteinheit abgeschlossen wird, um den Trade zu betreuen. Zu guter Letzt wartet man auf den richtigen Zeitpunkt, um die Position entweder glattzustellen, wenn das Kursziel erreicht wurde, oder darauf, ausgestoppt zu werden. Trading ist also weitgehend ein Geduldspiel, obwohl es natürlich Handelsansätze gibt, bei denen es etwas hektischer zugehen kann. Wenn Sie zum Beispiel im Minutenchart arbeiten, müssen Sie rasche Entscheidungen treffen und dann kommt auch Bewegung in die Sache. Bei mir läuft das Trading allerdings eher gemütlich ab, ich mag keine Hektik. Mit den Jahren ist der Handel zu einer Routine geworden, so wie jeder andere Job. Alle Abläufe sind geplant, jeder Handgriff sitzt, weil er schon hunderte Male so ausgeführt wurde. Ich schreibe in meinem Buch aber auch, dass mir das Trading nach wie vor großen Spaß bereitet.

Sie sagen, dass Trading für Sie vor allem Psychologie ist und dass es auch um Faktoren wie Selbstkontrolle und Selbstvertrauen geht. Welche Rolle spielt für sie das Prognostizieren von Kursverläufen, sei es durch die Technische Analyse oder durch Fundmentaldaten?

Wenn ich investiere, achte ich sehr wohl auf Fundamentaldaten. Beim Trading hingegen tätige ich keine Prognosen, weder fundamental noch technisch, weil ich genau weiß, dass die Märkte kurzfristig nicht vorhersagbar sind. Ich weiß, dass technische Analysten das anders sehen und versuchen, mit Chartanalyse den richtigen Einstiegspunkt zu finden. Aus meiner Sicht ist dieser Versuch aber aussichtslos, denn die Zukunft muss in der Gegenwart ungewiss sein. Doch spinnen wir den Gedanken weiter. Stellen Sie sich vor, mit technischer Analyse wären die Kurse tatsächlich vorhersagbar. Denken Sie nicht, dass diese Muster nicht schon längst von genialen Menschen mit Super-Computern erkannt worden wären? Lassen wir bitte die Kirche im Dorf. Könnten die Märkte vorhergesagt werden, würde in kürzester Zeit der ganze Kapitalismus zusammenbrechen, weil diesen Menschen alles Geld der Welt zufließen würde.

Wie stark braucht ein Trader Spielermentalität und Zockerbereitschaft?

Aus meiner Sicht so gut wie gar nicht. Trader sind weder Zocker noch Spieler. Trader gehen strategisch vor und nutzen einen kleinen, statistischen Vorteil zu ihren Gunsten. Manche Trader pokern gerne, denn auch dort geht es um Wahrscheinlichkeiten, Strategien und Disziplin. Mit Glücksspiel hat Trading aber trotzdem aus meiner Sicht rein gar nichts zu tun.

Worin liegt für Sie die größte Faszination beim Traden?

Es ist jedenfalls nicht die finanzielle Komponente. Natürlich möchte ich an den Märkten Geld verdienen, aber das Geld ist nur das Nebenprodukt von sauber ausgeführten Trades. Für mich liegt die wahre Faszination in den Freiheiten, die dieses Geschäft einem erfolgreichen Trader bietet. Man ist von niemand abhängig und hat die Möglichkeit, dieses Business von überall auf der Welt ausführen. Man kann zum Beispiel im Sommer am Meer sitzen und traden. Alles was man benötigt, ist ein Laptop mit Internetzugang. Das macht für mich den Reiz des Tradings aus. Die damit verbundene Unabhängigkeit!

Autoren
Vittner, Thomas

Vittner, Thomas

Thomas Vittner, geb. 1969 in Wien, hat den Beruf des Versicherungskaufmanns erlernt und war in diversen internationalen Konzernen in leitender Funktion als Underwriter und Produktmanager tätig. In mühevoller Kleinarbeit eignete sich Vittner sein Wissen über die Finanzmärkte als Autodidakt selbst an. Aus seinem Hobby wurde sein zweites Standbein und seine Erfolge zogen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Vittner agiert heute parallel und erfolgreich als Investor und Trader und schreibt regelmäßig Kolumnen in Fachzeitschriften und im Internet. Zudem veranstaltet er Seminare und Coachings über Trading.

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