27.08.2009

Interview mit Miriam Pielhau

Frau Pielhau, wie geht es Ihnen zur Zeit?

Vielen Dank, mir geht es einfach hervorragend. Alles gesund – ich bin fit wie ein Turnschuh!" (Sie lacht)

Was hat Sie denn dazu bewogen, mit Ihrem Krebs-Tagebuch „Fremdkörper“ an die Öffentlichkeit zu gehen?

Die meisten Krebsbiografien, die ich gelesen habe, fand ich depressiv. Ich wollte ein Buch schreiben, das Hoffnung macht. Denn, wenn die Seele auf Kämpfen eingerichtet ist, dann zieht der Körper nach.

Wann haben Sie eigentlich beschlossen, Ihre Erlebnisse in einem Buch zu erzählen?

Das war ein schleichender Prozess, denn ehrlich gesagt, die Veröffentlichung meiner Krankheit hat mir nicht sonderlich gepasst. Zumal ich damals nicht einmal wusste, ob ich das Jahr überleben werde. Erst als ich irrsinnig viel Feedback von Betroffenen bekam, wurde mir bewusst, dass ich durch meine Arbeit zur Identifikationsfigur von vielen Menschen wurde und, dass es gut ist, Betroffenen zu zeigen: Seht her, es gibt ein Leben während und nach dem Krebs!

Welche Reaktion hat Sie denn besonders berührt?

Eine Mail von einem 17-jährigen Jungen, dessen Mama an Brustkrebs litt. Er schrieb, er sage seiner Mama immer, sie solle am Montag Fernsehschauen und beobachten, wie ich das schaffe. Und dass sie das auch schaffen könne und kämpfen soll. Ich habe dann lange mit meinem Mann diskutiert und überlegt, ob ein Buch möglicherweise das richtige wäre.

Wie haben Sie denn gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Beim Abtasten der Brust. Ich bin zur Ärztin gegangen, die hat mich zur Mammografie geschickt. Und dort hat man dann sehr viel Mikrokalk in der Brust entdeckt, eine Vorstufe von Krebs. Dann kamen die Tests...

Gab es auch Augenblicke in denen Sie Mut und Kraft verließen?

Ja, natürlich. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es die nicht gab. Man weiß, dass es die Krankheit gibt und man weiß, dass sie schlimm ist. Aber man denkt nicht wirklich, dass man selber einmal davon betroffen sein könnte. Wenn man sich gesund ernährt, Sport macht und einen sehr soliden Lebenswandel hat, spielt der Krebs für einen keine Rolle. Das hat mich schon kalt erwischt. Wir reden ja nicht von einer Grippe sondern von einer Krankheit, die bei Nicht-Behandlung tödlich endet. Sich mit Anfang 30 darüber Gedanken machen zu müssen, ist schon niederschmetternd. Da gab es viele Momente, die ganz grauenhaft waren, in denen man es nicht schafft, das optimistische Fähnchen hochzuhalten, sondern in denen man einfach die nackte Todesangst spürt.

Woher nahmen Sie die Kraft, noch während der Chemotherapie «Big Brother» zu moderieren?

Das verdanke ich der modernen Medizin. Ich habe während der Chemotherapie die dreifache Dosis bekommen. Natürlich war das kein Sonntagsspaziergang. Und trotzdem: Mit genügend Ruheeinheiten konnte ich die zwei Stunden Live-Sendung durchstehen. Trotz meiner heftigen Dosis waren die Geschichten über die Chemotherapie schlimmer als die Therapie selbst.

Hat der Krebs Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Für jeden schönen Tag bin ich schon immer dankbar und demütig gewesen. Insofern kann ich nicht sagen, dass sich noch einmal einschneidend etwas geändert hat. Aber so eine Krankheit ist wie ein Erdbeben und nachdem alles durchgerüttelt ist und man die Trümmer beiseite räumt, fragt man sich natürlich schon: 'Was bleibt übrig? Und wie baue ich das ganze jetzt wieder auf?' Ich hab ein bisschen mehr Gelassenheit in mein Leben gebracht. Gelassenheit, was meinen Job und Karriereansprüche angeht und habe wieder Dankbarkeit gelernt, für das, was ich erreicht habe. Ich genieße das Glücklichsein für den Moment, ich grabe nicht mehr in der Vergangenheit oder hechle der Zukunft hinterher. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis für mich.

Haben Sie Angst vor einem Rückfall?

Ich habe mich sehr intensiv mit der Krankheit auseinander gesetzt. So verlor der böse, böse Krebs an Schrecken. Ich habe die Krankheit auch als Warnsignal verstanden, mein Leben etwas zu entschleunigen. Bis jetzt habe ich das ganz gut hinbekommen und deshalb habe ich auch keine Angst mehr. Und meine Untersuchungen waren bis jetzt alle tipitopi.

Wie fühlen Sie sich inzwischen in der Öffentlichkeit?

Besser. Nachdem ich erst unfreiwillig in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses geriet, habe ich entschieden, die Leute nah an mich heran zu lassen. Bis hin zur Thematik Erotik, was bei Krebskranken einem Tabubruch nahe kommt. Das bespricht einfach niemand, obwohl es Thema unter allen Chemopatienten ist und wahnsinnig wichtig für das Seelenheil. Ich habe mich dem Thema mit bewusst leichter Sprache genähert. Ich wollte Ängste nehmen und habe dem meine eigene Privatsphäre untergeordnet. Keine leichte Sache....

Ihr engster Wegbegleiter war Ihr Ehemann. Hat der Krebs Ihre Beziehung verändert?

Das klingt platt, aber es ist in der Tat so, dass man noch näher zusammenrückt. Man sitzt ja emotional nackt beieinander – diese extreme Verletzlichkeit schweißt natürlich zusammen. Zum Glück standen wir nie an einem Scheidepunkt, an dem wir unsere Beziehung in Frage stellten. Im Gegenteil: Mein Mann sagte von Anfang an, „ Ich bleibe an deiner Seite, denn ich habe doch noch so vieles mit dir vor!“

Sie haben sich eine Eizelle entnehmen lassen. Wie sieht es denn aus mit Nachwuchs?

Geben Sie mir drei bis vier Jahre. (Sie lacht) Bei uns stehen jetzt noch einige Reisen auf dem Programm. Und Thom hat viel vor, bei dem ich ihn unterstützen möchte. Aber eines Tages werden wir bestimmt eine kleine Rock’n Roll-Familie.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Das hier ist bis jetzt mein Märchen. Und ich möchte Bestimmer sein, was das Ende angeht". Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesund zu bleiben. Mein Traum ist auch eine Weltreise mit meinem Mann. Für drei Monate möchte ich mit ihm die wundervollsten Orte unserer Erde bereisen. Und ich träume davon, ein kleines Holzhaus an den Brandenburgischen Seen zu bauen.

Gibt es einen Ratschlag, den Sie anderen betroffenen Frauen mit auf den Weg geben möchten?

In Euch steckt mehr Kraft, als Ihr glaubt! Sucht diese Kraft und vertraut darauf!

Autoren
Pielhau, Miriam

Pielhau, Miriam

MIRIAM PIELHAU wurde 1975 in Heidelberg geboren. Nachdem sie erfolgreich als Redakteurin und Moderatorin beim Radio gearbeitet hat, ist sie jetzt vielbeschäftigte TV-Moderatorin bei RTL2, WDR, Pro 7, Sat 1, RTL u. v. m. Sie ist verheiratet mit dem Musiker Thomas Hanreich und lebt in Berlin.

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