24.09.2009

Interview mit Irene Pepperberg

Verhaltensforscher haben lange Zeit ausschließlich Tierarten wie Delfine oder Affen erforscht. Wie kamen Sie auf die Idee, mit einem Papagei zu arbeiten?

Als Kind spielte ich kaum mit anderen Kindern, da in meiner Nachbarschaft sehr wenige Familien mit Kindern lebten. Dazu kam, dass sich meine Mutter neben mir keine weiteren Kinder wünschte, da sie nach dem Tod ihrer Mutter ihre Geschwister alleine aufgezogen hatte. Mein Vater arbeitete den ganzen Tag und kümmerte sich um seine kranke Mutter. Damit ich etwas Gesellschaft hatte, kaufte mir mein Vater einen Wellensittich, der zu meinem besten Freund wurde. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass diese Tiere nicht nur sehr schlau, sondern auch sehr lernbegierig sind. Diese Erkenntnis verstärkte sich als ich mit der Zeit weitere Vogelarten kennen lernte, die sich genauso intelligent wie Wellensittiche verhielten. Daraufhin fasste ich für mich den Entschluss, mehr über Vögel zu erfahren und zu forschen.

In den letzten Jahren konzentrieren sich immer mehr Forscher auf Vögel, insbesondere auf Krähen, über die es inzwischen einige Studien gibt. Glauben Sie, dass Sie und Alex Wegbereiter für diese Forscher waren?

In gewisser Hinsicht ja. Als wir mit unserer Arbeit anfingen, haben Forscher hauptsächlich mit Tauben gearbeitet. Es gibt tatsächlich einige sehr interessante Studien über Tauben, aber diese Vögel sind längst nicht so klug wie Krähen oder Papageien. Indem wir anfingen den Menschen zu zeigen, wie schlau Vögel sind und welche Aufgaben sie bewältigen können, haben wir es der nächsten Forschergeneration leichter gemacht, diese Arbeit fortzuführen.

Glauben Sie, dass Krähen und Papageien ähnlich intelligent sind oder gibt es zwischen diesen Arten Unterschiede?

Ja, da gibt es schon Unterschiede. Ich behaupte, dass die Schnäbel von Papageien ähnlich funktionell wie ein Schweizer Taschenmesser sind. Daher benötigen sie auch nicht so viele verschiedene Werkzeuge wie Krähen. Ich bin der Meinung, dass sich beide Arten auf dem gleichen Intelligenzlevel bewegen, aber - auf unterschiedliche Art und Weise. Das liegt hauptsächlich an den unterschiedlichen Problemen, die sie in ihrem natürlichen Umfeld lösen müssen. Papageien erlernen beispielsweise sehr schnell andere Tongebungen, also auch menschliche Sprachen. Krähen können das zwar auch, aber für die Papageien ist es deutlich einfacher. Außerdem leben Papageien in einem Umfeld, in dem sie zu jeder Zeit ausreichend Nahrung finden, so dass sie keine Vorräte anlegen müssen. Daher kommt es, dass sie ihre Intelligenz mehr für die Futtersuche nutzen und innerhalb ihrer Gruppe sehr sozial agieren. Hingegen müssen Krähen ihr Futter häufiger lagern, weil es nicht konstant verfügbar ist. Meiner Meinung nach sind beide Vogelarten gleich schlau, wenden ihre Intelligenz aber auf unterschiedliche Weise an.

Können Krähen sprechen?

Ja, aber deutlich seltener als Papageien. Ihr Stimmapparat ist anders aufgebaut und eigentlich nicht für Sprache ausgelegt.

Was genau wollten Sie beweisen bzw. erforschen, als Sie das Projekt begannen? Ich habe gehört, dass Sie die Finanzierung am Anfang komplett alleine tragen mussten.

Wir haben natürlich versucht, Forschungsgelder zu beschaffen. Am Anfang haben wir viel mit Freiwilligen gearbeitet. Dann haben wir für viele Jahre Fördergelder erhalten. Als diese Förderung auslief, habe ich, um das Projekt am Laufen zu halten, die „Alex Foundation“ gegründet und darüber Spenden generiert. Es war immer ein Auf und Ab. Aber das große Ziel dieser Forschung war, zu beweisen, dass Vögel intelligent sind und herauszufinden, in welchem Maße sie es sind. Als ich anfing, glaubte zunächst niemand, dass Vögel in irgendeiner Weise schlau sind. Alles was Alex tat und lernte war also in gewisser Hinsicht ein Durchbruch. Die Forschung lief natürlich nicht nach dem Schema „X beweist Y beweist Z!“ ab, weil wir ja keine Ahnung hatten, was alles möglich sein würde.

Alex war 15 Jahre lang ein Einzel-Vogel. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn im Gegensatz zu den anderen Vögeln, hatte er ausschließlich Menschen um sich und zwar zehn bis zwölf Stunden täglich. Wir haben mit ihm gespielt, mit ihm geredet und alles in allem wie ein Kleinkind behandelt. Es war also nicht so, dass wir ihn „nur“ trainiert hätten. Wenn er also sagte „Ich will eine Bohne“ haben wir ihn gefragt, „Welche Farbe soll denn die Bohne haben?“ und er hat dann Sachen gesagt wie: „Grüne Bohne“ oder „gelbes Maiskorn“. Wir haben richtiggehend mit ihm kommuniziert. Und keiner der anderen Vögel, auch nicht in meinem Labor, hat diese Erfahrung gemacht. Sie hatten immer andere Vögel um sich. Mit den jüngeren Vögeln haben wir auch andere Trainingsmethoden ausprobiert. Alex hat sehr erfolgreich anhand von Modellen gelernt. Bei den anderen Vögeln haben wir Videos und Tonbandaufnahmen getestet, was aber nicht funktioniert hat.

Sind Sie der Meinung, dass es signifikante Unterschiede bezüglich der Intelligenz zwischen Papageien gibt? Lernen einige Vögel leichter als andere?

Es gibt natürlich individuelle Unterschiede. Es ist aber immer schwer zu sagen, wie viel Können vom Training und wie viel vom Vogel selbst stammt. Unser jüngster Vogel spricht nicht viel, aber als wir ihn an einen speziellen Computer setzten, nahm die Kommunikation sehr stark zu. Es ist also schwer zu sagen. Aber ich bin davon überzeugt, dass es unterschiedliche Talente gibt, so wie bei Menschen eben auch. Alex war ein ganz normaler Vogel, aber er ist in einer Umgebung aufgewachsen, die es ihm ermöglicht hat, das Beste aus sich herauszuholen.

Papageien können also reden, zählen und zwischen Formen und Farben unterscheiden. Welche anderen Fähigkeiten haben sie?

Wir forschen gerade an etwas, das wir „Interpret Explorer“ nennen, also einem Webbrowser für Papageien. Dabei arbeiten wir mit meinem jetzigen Papagei Griffin und versuchen herauszufinden, wie Papageien optische Täuschungen sehen. Begonnen haben wir dieses Projekt schon mit Alex, weil wir herausfinden wollten, wie er die Welt sieht. Da die Augen eines Papageien aus unserer Sicht seitlich und nicht parallel frontal am Kopf angeordnet sind, können wir uns nicht vorstellen, wie Vögel die Welt sehen. Bei einigen Illusionen sah er das gleiche wie wir, bei anderen sah er etwas völlig anderes. Leider konnten wir dieses Projekt nicht zu Ende führen, weil Alex zu früh gestorben ist. Und es gibt noch so viele Forschungsmöglichkeiten! Manche untersuchen das soziale Verhalten von Papageien. In Afrika leben sie in Schwärmen zusammen und teilen sich tagsüber in kleinere Gruppen auf, um nach Nahrung zu suchen. Nachts schlafen immer 100 Papageien zusammen. Generell sind sie tagsüber immer mindestens zu zweit. Einer sucht nach Futter und der andere hält Ausschau nach Feinden. Meistens sind es jedoch drei oder vier Vögel, die sich als Team zusammentun.

Haben Sie jemals darüber nachdacht, auch mit anderen Vogelarten zu forschen?

Ja, aber da gibt es sehr viele bürokratische Hindernisse in den USA. Man muss für jede Vogelart ein eigenes Labor haben, was natürlich sehr schwierig und finanziell aufwendig ist. Das war einer der Gründe, warum ich mich nicht mir anderen Arten befasst habe. Und der zweite Grund ist, dass man eine Vogelart wirklich verstanden habe muss, um sie zu erforschen. Und da gibt es riesige Unterschiede. Ich hatte nie die Zeit, andere Arten so genau wie Alex zu studieren, dass eine Forschung sinnvoll gewesen wäre.

Was halten Sie von den Geschichten, dass Vögel in manchen Metropolen der Welt Handy-Klingeltöne imitieren? Ist das normal oder eher ungewöhnlich?

Es hängt ganz von der Vogelart ab und davon, wie ähnlich der Klingelton einer der natürlichen Melodien des Vogels ist. Einige Arten lernen ihr Leben lang. Andere haben eine Prägungsphase, in der sie lernen. Es gibt auch verschiedene Dialekte innerhalb einer Art. Einige Arten beherrschen hunderte von Melodien, während andere nur sehr wenige erlernen. Denen kann man natürlich neue Melodien nur schwer beibringen. Stare z. B. können minutenlang singen ohne sich zu wiederholen. Sie haben eine solch reiche Ausdrucksweise, dass es nicht schwer wäre, ihnen einen Handy-Klingelton beizubringen.

Jetzt noch eine letzte Frage: Wenn ich einen Wellensittich hätte, was könnte ich ihm beibringen?

Eine ganze Menge! Das sind wirklich sehr schlaue kleine Vögel! Meiner konnte beispielsweise sprechen. Ich glaube nicht, dass er alle Wörter verstanden hat, aber er kannte gewisse Rituale oder Begrüßungsfloskeln wie „Hallo“, wenn man hereinkam. Wir haben auch oft das gleiche gegessen. Wenn ich Müsli gegessen habe, hat er davon etwas abbekommen. Es sind wunderbare Haustiere.

Autoren
Pepperberg, Irene

Pepperberg, Irene

Irene Pepperberg ist Forscherin an der renommierten Harvard-Universität. Sie hat große Anerkennung für die Ergebnisse der Arbeit mit Alex in wissenschaftlichen Kreisen erfahren.

Bücher

Alex und ich

Die einzigartige Freundschaft zwischen einer Harvard-Forscherin und dem schlausten Vogel der Welt.